Daldorf – Die warme Jahreszeit ist da, ein Trend bestätigt sich: Die Lust am Gärtnern. Mit jedem Sommer gewinnt er an Gewicht. Trotz Konsumflaute, beim Verschönern der eigenen grünen Scholle wird selten gespart. Nicht nur Grünpflanzen, auch Holz im Garten gilt als schick. Der Privatgarten wird dabei "zur Selbstdarstellungsfläche fürs eigene Ego". Motto: Zeige mir Deinen Garten, und ich sage Dir, was Du bist.
Jung und trendbewusst Die Jüngeren haben Buchsbäume in massiven Pflanzgefäßen, reife Tomaten an Holzfassaden und üppig berankte Pergolen als Freizeit-Objekte entdeckt. Platz spielt dabei keine Rolle, zur Not wird auch auf dem Balkon der Kleingarten angelegt. Edle Gartenfestivals locken; Heckenpflege ist ganz und gar nicht mehr spießig, jetzt ist es naturbewusst. Eine wachsende Zahl von oft exklusiven Garten-Magazinen und TV-Sendungen versorgt die steigende Anzahl der Gartengestalter medial. Neben vielen Tipps zur grünen Inszenierung des eigenen Lebensstils gibt es dort Unterhaltsames zur "Gartenkultur".
"Wir merken, dass sich verstärkt auch junge Leute mit dem Thema beschäftigen", meldet der Zentralverband Gartenbau (ZVG) in Bonn. Großstadtfamilien hauchen den Schrebergärten wieder Jugend ein, Studenten tummeln sich in Bau- und Gartenzentren. "Gerade bei jungen Familien in Städten ist das grüne Wohnzimmer stärker denn je gefragt", freut sich der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (Berlin). Die immer breitere Auswahl an Accessoirs wie Sichtschutzzäune, Holzterrassen und Rankhilfen folgt dieser Entwicklung.
Sehnsucht nach Erdung Doch was sind die Gründe für den grünen Trend? Gärtnern verbindet sich mit anderen Trends – etwa zu mehr Langsamkeit ("Entschleunigung"), zu ländlichen Stilen ("Country-Look") – und mit dem Thema Gesundheit. Das eigene Grün wird assoziiert mit Erholung, mit "Chill-out". Wissenschaftler bestätigen das. Nach einer US-Studie der University of Michigan baut der Mensch bei Gartenarbeit Depressionen und Ängste schneller ab.
Der Hamburger Trendforscher Wippermann vermutet, dass die Sehnsucht nach Erdung in einer von Medien dominierten Welt eine zentrale Rolle spielt. "Je unsicherer der Alltag wird, je weniger wir Einfluss nehmen können auf globale Entwicklungen, desto stärker wächst der Wunsch, eine kleine Parzelle zu haben, die man kontrollieren kann. In den USA rollt die Gartenwelle bereits in eine weitere Richtung: hin zum Öko-Boom. Wohlhabende New Yorker kaufen nicht nur gerne bei teuren Bio-Supermärkten, sondern stecken viel Geld ins chemielose Gärtnern. Gartenzentren dort bieten passend dazu alles zum naturnahen Anbau.
Fazit: Gärten als Ruhezonen bleiben im Trend. Die "grüne Welle" rollt sicher auch im nächsten Sommer weiter. Nicht nur, um aus der Not eine Tugend zu machen. Denn die blühende Scholle entwickelt sich auch zu einem günstigen Urlaubsersatz. Und ganz nebenbei dient der Garten als Selbstdarstellungsfläche fürs eigene Ego. Motto: Zeige mir Deinen Garten, und ich sage Dir, was Du bist.
Textauszüge/Quelle: Hamburger Morgenpost 06.09.2004 |